Wo Sie gehen und stehen, wo Sie hinreisen, was Sie fotografieren, wer Ihre Freunde und Verwandten sind, plus, welche Telefonnummer und E-Mail-Adresse diese haben, wann Sie beim Arzt gewesen sind, in welchen Kindergarten Ihre Kinder oder Enkel gehen und noch vieles mehr – Ihr Smartphone weiß alles über Sie und plaudert es munter aus. Außer Sie benutzen eine in Frankreich entwickelte Alternative – /e/OS. Diese erfordert allerdings eine gewisse Leidensfähigkeit …
Von Andrew Weber
Die Europäer wachen auf. Spät, sehr spät, aber immerhin. Die erratische Führung des Trump-Regimes hat den einen oder anderen nachdenklich gemacht, ob es eine so gute Idee war, sich in Sachen IT vollständig von den Vereinigten Staaten abhängig zu machen (ja, und nicht nur da). Ob Betriebssysteme, Cloud-Speicherung, Navigation, Social Media und mehr, der einst so verlässliche große Bruder ist in diesen Segmenten überall ganz vorn, oder sagen wir es geradeaus: marktbeherrschend. Die Amerikaner konkurrieren höchstens untereinander wie Microsoft versus Apple, Meta (Facebook, Instagram etc.) versus Alphabet (Google, YouTube etc.) oder AWS (Amazon) versus IBM und Azure (Microsoft). Gleiches gilt auch für den Smartphonemarkt, der sogar von nur zwei Anbietern – iOS (Apple) und Android (Google) – dominiert wird. Na ja, abgesehen vom chinesischen HarmonyOS von Huawei, aber ob das eine echte Alternative ist, soll jeder für sich selbst entscheiden.
Es war vielleicht lange mehr oder weniger egal, was die da drüben treiben, doch die Macht, die von diesen Unternehmen und der politischen Führung des Landes ausgeht, dringt tief in unseren Alltag, unsere Intimsphäre ein und beeinflusst unsere Entscheidungen.
Und doch gibt es Alternativen, etwa bei Social Media, wo die deutsche Entwicklung Mastodon, das sogenannte Fediverse, langsam, aber sicher an Bedeutung und Reichweite gewinnt. Womit wir endlich zum Thema kommen: dem alternativen Betriebssystem für Smartphones /e/OS. Entwickelt wurde es vom Franzosen Gaël Duval, der bereits 2017 dazu aufrief, dass Europa sich die digitale Souveränität zurückerobern müsse. Schon im November desselben Jahres veröffentlichte er eine Reihe von Artikeln mit dem Titel „Leaving Apple & Google: my /e/odyssey“. Darin kündigte er das von ihm erdachte Projekt an und setzte es finanziert durch Crowdfunding ein Jahr später um.
/e/OS basiert auf LineageOS, einem Android-Custom-ROM und Betriebssystem für Smartphones und Tablets auf Android-Basis. LineageOS ist eine freie Software, die von einer Gemeinschaft freiwilliger Programmierer gepflegt wird. Der Antrieb ist, Handys auch nach Ende des offiziellen Supports durch den Hersteller mit neuen Android-Versionen zu versorgen. Die Software muss selbst auf dem Smartphone installiert werden, was ein gewisses technisches Verständnis voraussetzt, aber auch keine Raketenwissenschaft ist. Bei einem selbst durchgeführten Versuch mit einem abgelegten Xiaomi Handy (Mi Mix 2) aus dem Jahr 2017 ließ sich dieses mittels LineageOS auf Android 15 aktualisieren. Der Hersteller verabschiedete sich bereits mit der Version 11 aus der Update-Verantwortung für dieses Modell.
Ökologisch auf jeden Fall eine ratsame Alternative, jedoch legt LineageOS den Fokus auf die Weiterverwendung von Smartphones, nicht auf die Einschränkung von Telemetrie, sprich der Übertragung von Nutzungsdaten.
/e/OS bietet die Möglichkeit, App-Tracker abzulehnen, einen anderen Standort vorzutäuschen oder die IP-Adresse via TOR zu verschleiern.
Platzhirsche bei der Offenlegung von Persönlichem sind die Hardware- und Software-Hersteller wie etwa Google und Apple selbst. Darunter sind Ortungsdaten, Telefonnummern, IMEI-Nummern, IP- und MAC-Adressen, Cookies, ebenso die Anzahl und Nutzungshäufigkeit von Apps. Zudem werden Daten, Bilder und Videos in der Cloud gespeichert. Die dazugehörigen Rechner stehen oft genug in den USA und China. Dies betrifft grundsätzlich alle Smartphones, die unter Android oder iOS laufen. Jedem Nutzer sollte daher klar sein, dass er selbst das Produkt ist, das da vermarktet wird.
Überhaupt sollte man sich grundsätzlich die Frage stellen, ob eine App einen zusätzlichen Nutzen hat oder der Internetbrowser nicht ausreicht.
Wer das nicht will, hat die Wahl, auf /e/OS umzusteigen. Smartphones mit dem alternativen Betriebssystem gibt es entweder von der Stange, wie etwa das Fairphone 5 von Murena (ab 549 Euro) – oder man installiert es selbst, was bei LineageOS ein wenig technisches Verständnis und eine gewisse Leidensfähigkeit erfordert, und man sollte sich nicht scheuen, zur Not auch Befehle in die Kommandozeile einzutippen. Zudem besteht die Gefahr, dass man das Smartphone „abschießt“, es also danach unbenutzbar ist. Immerhin werden mittlerweile mehr als 200 Geräte unterstützt, versuchen Sie es also einfach mal mit einem alten Mobiltelefon aus der Schublade. Für einige Modelle bietet /e/OS einen sogenannten Easy Installer, der dann sogar bequem via Windows oder Mac OS funktioniert. Ironischerweise lässt sich /e/OS besonders einfach auf Google-Handys installieren.
Auch bei einem OnePlus-Smartphone klappte die Installation in einem Selbstversuch problemlos. Der /e/OS-Kosmos präsentiert sich recht aufgeräumt und erinnert an iOS von Apple. Wichtige Apps wie die Navi-App Magic Earth sind vorinstalliert, ebenso Mail, Browser, Musikplayer oder ein App-Store, der sich App-Lounge nennt. Dieser greift auf den Google Store zu und loggt sich dazu über einen anonymen Account ein. Was selbstverständlich nur bei kostenlosen Apps funktioniert. Interessant ist die Datenschutzbewertung in der Lounge. Der 2FA Authentificator erhält hier etwa acht von zehn möglichen Datenschutzpunkten, der DB-Navigator liegt bei 5/10. So werden hier Tracker bemängelt, aber auch, dass der Speicher ausgelesen werden kann, ebenso der Telefonstatus und die Identität des Nutzers. Wer eine reine Abfrage nach der Pünktlichkeit eines Zuges stellt, möchte diese Daten möglicherweise nicht übermitteln. Überhaupt sollte man sich grundsätzlich die Frage stellen, ob eine App einen zusätzlichen Nutzen hat oder der Internetbrowser nicht ausreicht. Nicht alle Apps lassen sich vermeiden, etwa beim Online-Banking kann es mitunter schwierig werden. Immerhin lassen sich die App-Anbieter verwirren und man kann ihnen die eine oder andere Schnüffelei verbieten, wenn eine Verwendung unumgänglich erscheint. So bietet /e/OS die Möglichkeit, App-Tracker abzulehnen, einen anderen Standort vorzutäuschen oder die IP-Adresse via TOR zu verschleiern.
Wie bereits erwähnt, kann es bei der selbst vorgenommenen Installation sowohl von LineageOS als auch /e/OS passieren, dass der sogenannte Bootloader beschädigt und das Handy somit unbenutzbar wird. Verwenden Sie also bei einem Selbstversuch ein abgelegtes Smartphone, von denen sicherlich auch bei Ihnen noch das eine oder andere Gerät sein Dasein in der Schublade fristet. Checken Sie zudem vorher, ob das gute Stück auch in der Liste der unterstützten Smartphones steht. Mehr als 200 Geräte bei /e/OS klingt erstmal nach viel, es sind dann aber doch weniger als erwartet.