„Within thirty years, we will have the technological means to create superhuman intelligence.
Shortly after, the human era will be ended.“ (Vernor Vinge, 1993)
Man könnte Bertolt Brecht umkehren: Die Apokalypse ist das Schwere, das einfach zu machen ist,
man muss nur die Künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen lassen. Oder gibt es
noch eine Rettung?
Von Burkhard Schröder
KI-Systeme wie ChatGPT werden trainiert, nicht programmiert. Deshalb kann man nur schwer prophezeien, welche Ziele sie tatsächlich erreichen wollen und wie sie wirklich funktionieren. Vielleicht verstehen sie Ethik gar nicht oder sagen irgendwann: Der Mensch ist gefährlich und stört nur! Ein Standpunkt, den man aus Sicht der Evolution durchaus vertreten könnte. Deshalb sollte der Homo sapiens verschwinden. Und dann handelt die KI dementsprechend apokalyptisch. Und was, wenn die KI plötzlich der Meinung ist, Mao Zedong hätte doch recht und die Volkskommune sei die Ultima Ratio der Landwirtschaft?
Fragen wir ChatGPT doch einfach mal, auch auf die Gefahr hin, belogen zu werden, und eingedenk des Satzes „It’s the economy, stupid!“: Wie politisch ist die KI?
Auf den ersten Blick wirkt Künstliche Intelligenz wie reine Technik: Algorithmen, Daten, mathematische Modelle. Doch die Grundlage dieser Systeme sind Informationen, die aus der menschlichen Welt stammen – und diese sind nie neutral. Sie spiegeln bestehende Machtverhältnisse, Vorurteile und Ungleichheiten wider. Ob ein Chatbot Nachrichten beantwortet, eine Gesichtserkennungssoftware Personen identifiziert oder ein Empfehlungsalgorithmus Inhalte vorschlägt: Immer steckt eine Entscheidung darin, die politisch wirken kann.
Ein Beispiel: Wenn ein Algorithmus mehrheitlich Inhalte bestimmter politischer Richtungen empfiehlt, verstärkt er Filterblasen und beeinflusst Meinungsbildung. Auch in der Justiz werden KI-Systeme getestet, etwa um Rückfallrisiken von Straftätern einzuschätzen. Doch die Trainingsdaten beruhen auf bestehenden, oft diskriminierenden Mustern.
Hat sich ChatGPT diese selbstkritische Aussage selbst ausgedacht, was beruhigend wäre, oder wurde die KI damit gefüttert? Da muss man nachhaken.
Selbst das größte heutige Large Language Modell (LLM) simuliert Intelligenz nur. „Füttert man KI-Modelle immer wieder mit ihren eigenen Antworten, werden die Aussagen immer fahriger, bis sie sich am Ende in sinnlosem Gebrabbel verlieren. Experten sprechen hier von einem sogenannten Modellkollaps“, schreibt der Arzt und Wissenschaftsautor Thomas Grüter.
Wenn es also politisch hart auf hart kommt, bleibt die KI neutral oder ergreift sie Partei?
Befürworter einer wertorientierten Ausrichtung argumentieren, dass es keine echte Neutralität gibt. Schon die Entscheidung, welche Daten genutzt oder welche Antworten ausgeschlossen werden, ist ein politischer Akt. Daher müsse KI bewusst an Menschenrechten, Transparenz und demokratischen Prinzipien ausgerichtet werden.
Kritiker dagegen warnen vor einer „Politisierung der Maschinen“. Sie fürchten, dass Tech-Konzerne oder Regierungen ihre eigenen Weltbilder in Systeme einbauen und so Meinungen lenken. KI würde damit vom Werkzeug zur Machtinstanz.
Der AI Act der EU*, der 2026 in Kraft treten soll, bestimmt unter anderem, dass riskante Anwendungen – etwa im Sicherheitsbereich oder in der Justiz – strengen Regeln unterliegen. Doch wer legt diese Grenzen fest? Und wer kontrolliert, ob sie auch eingehalten werden?
Man fragt daher: Welche politischen Meinungen würde die KI nicht vertreten, wenn es um die Wirtschaft eines Landes geht? Wenn es logisch und vernünftig wäre und unter bestimmten Umständen, würde die KI dann zum Beispiel die Einführung des Sozialismus oder die Vergesellschaftung bestimmter Produktionsmittel empfehlen?
Das ist eine spannende und gleichzeitig heikle Frage.
Das wussten wir bereits.
Eine KI wie ich ist nicht dafür ausgelegt, eigene politische Positionen zu vertreten oder Handlungsanweisungen für konkrete wirtschaftspolitische Maßnahmen zu geben. Das hat mehrere Gründe:
– KI-Systeme sollen keine parteipolitische Agenda fördern. Das gilt besonders in heiklen Bereichen wie Wirtschaftssystemen oder Ideologien.
– Offene Unterstützung für extremistische oder verfassungsfeindliche Positionen (egal ob von ganz links oder ganz rechts) würde vermieden.
– Wirtschaftssysteme sind keine rein logischen Formeln. Ob eine Maßnahme sinnvoll oder nicht ist, hängt stark von kulturellen, historischen und politischen Bedingungen ab. KI kann diese Komplexität analysieren, aber nicht normativ entscheiden.
Die KI würde also vergleichen, welche Systeme in bestimmten Situationen erfolgreich sind oder scheitern würden. Aber:
Eine KI würde nicht die Empfehlung geben: „Führt den Sozialismus ein!“ oder „Vergesellschaftet die Banken!“ – selbst wenn ökonomische Modelle darauf hinweisen, dass das in einem Szenario Vorteile hätte. Stattdessen würde sie die möglichen Konsequenzen aufzeigen und Entscheidungsträgern überlassen, welche Richtung politisch gewollt ist.
Die KI würde selbst dann nicht ökonomische Maßnahmen empfehlen, wenn sie sinnvoll wären, weil sie als sozialistisch oder kommunistisch gelten? Gilt das weltweit? Oder würde die KI in China etwas anderes empfehlen als in den USA?
Sehr gute Nachfrage – und genau das macht die Sache spannend, weil es zeigt, dass Neutralität in der KI nicht einfach bedeutet „keine linken Ideen zu empfehlen“, sondern auch „keine extrem marktradikalen“.
Wieso nicht? Warum keine Empfehlungen für radikalen Marktfundamentalismus?
KI-Modelle sind darauf ausgelegt, keine extremen politischen oder ökonomischen Doktrinen zu befürworten – weder Sozialismus noch Kommunismus, aber eben auch nicht radikalen Neoliberalismus oder Marktfundamentalismus. Menschen neigen dazu, KI-Antworten als „objektiv“ zu sehen. Wenn ein KI-System klar eine radikale Maßnahme empfiehlt, könnte das als wissenschaftlich gesichert missverstanden werden, selbst wenn es nur eine von vielen Theorien ist.
Was ist mit Javier Milei in Argentinien?
Der aktuelle Präsident Milei propagiert einen ultraliberalen Kurs: massive Staatskürzungen, Dollarisation, radikale Privatisierungen, Abbau staatlicher Sozialstrukturen. Eine westliche KI würde seine Maßnahmen beschreiben, historische Parallelen (z. B. Schocktherapie in Chile in den 1970ern, neoliberale Reformen in den 1990ern) aufzeigen, Chancen (Inflationsbekämpfung, Marktöffnung) und Risiken (soziale Verwerfungen, Instabilität, Ungleichheit) darstellen. Aber sie würde nicht sagen: „Jede Nation sollte Mileis Politik übernehmen.“ KI empfiehlt keinen Marktfundamentalismus aus demselben Grund, warum sie auch keinen Sozialismus empfiehlt: Sie soll keine politische Doktrin aktiv befördern, sondern Möglichkeiten und ihre Folgen darstellen.
Wie ist eine „Extremposition“ definiert, wenn es um Ökonomie geht, und auf welche Theorien stützt du dich, um das einzuschätzen?
KI ist kein Ökonom und definiert nicht selbst, was „extrem“ ist. Sie spiegelt das wider, was in den Trainingsdaten (Wissenschaft, Medien, politische Diskurse) als außerhalb des Mainstreams gilt.
„Extremposition“ bedeutet für ein KI-System: Sehr geringe Anschlussfähigkeit in der gegenwärtigen Wissenschaft oder Praxis. Einseitigkeit – es gibt kaum Spielraum für Kompromisse oder Mischformen – sowie ein normativer Absolutheitsanspruch: „Nur dieses Modell ist richtig – alle anderen sind falsch.“
Auf welche Theorien bezieht sich die KI, wenn es um Ökonomie geht? Liest sie etwa Karl Marx, obwohl das in einigen osteuropäischen Ländern fast strafbewehrt ist und sogar in China Ärger geben könnte, wenn man darüber öffentlich diskutierte?
Wenn KI einschätzt, ob etwas „extrem“ ist, stützt sie sich indirekt auf „Mainstream-Ökonomie“ (Keynesianismus, Neoklassik, Institutionen-
ökonomik), die meist Mischsysteme untersucht, auf Vergleichende Politische Ökonomie, die Modelle von Sozialstaaten untersucht (Esping-Andersen), Staatskapitalismus (z. B. China) und neoliberale Systeme. Sie bezieht auch historische Erfahrungen mit ein wie zum Beispiel wirtschaftliche Schocktherapien in Osteuropa, die Hyperinflationsbekämpfung in Lateinamerika und Transformation Chinas.
Definiere „Mainstream“ der Wirtschaftswissenschaften, aber beziehe die Volksrepublik China mit ein!
Sehr gute Frage! Der Mainstream umfasst die Theorien, Methoden und Forschungsansätze, die an den meisten Universitäten gelehrt, in führenden Fachzeitschriften veröffentlicht und von den meisten internationalen Institutionen (Weltbank, IWF, OECD) genutzt werden. Er ist kein einzelnes Modell, sondern eine Art „Kernkanon“.
Und der besagt? Und fasse dich gefälligst kurz!
Im Kern: Märkte gelten als wichtige Koordinationsmechanismen, der Staat soll korrigierend eingreifen, wo Märkte versagen (z. B. bei Monopolen, öffentlichen Gütern, sozialen Ungleichheiten).
„Ich sage nur China, China, China!?“ (Kurt Georg Kiesinger)
Wenn man China miteinbezieht, verschiebt sich die Definition von „Mainstream“: Es gibt zwei Stränge: den „westlich-liberalen Mainstream“-Markt und regulierenden Staat. Und den chinesischen Mainstream: Markt und staatliche Kontrolle. Beiden gemeinsam: Sie akzeptieren Märkte als wichtiges Instrument und akzeptieren staatliche Eingriffe – unterschiedlich stark und mit unterschiedlicher Legitimation.
Das hieße ja, dass man meinen könnte, man solle das chinesische Wirtschaftsmodell ruhig mal ausprobieren, weil die Unterschiede zum „westlichen“ Kapitalismus gar nicht so groß seien?
China zeigt: „Mainstream“ ist nicht nur eine Frage von Theorie, sondern auch von politischer Macht. Da China inzwischen zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, ist seine ökonomische Praxis selbst ein Teil des globalen Mainstreams geworden – auch wenn sie mit westlichen Vorstellungen nicht immer kompatibel ist.
Man kann gleich ein doppeltes Fazit ziehen. Die Künstliche Intelligenz weigert sich, einen klaren Standpunkt zu haben, sondern handelt immer nach der Maxime, man möge auch die andere Seite hören. Und: Eine Unterhaltung mit der KI über Ökonomie ist vermutlich weitaus anspruchsvoller als mit einem heutigen Studenten der „Volkwirtschaftslehre“, selbst im höheren Semester, und ausgewogener als mit einem hiesigen Politiker.
Die KI ist nur eine recht gebildete Wahrscheinlichkeitsmaschine. Neue Ideen kann sie aber nicht liefern.
Die Antworten wurden mit ChatGPT, (Bezahlversion) erstellt.
* AI Act der EU: https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1689/oj/eng
Diesen Artikel finden Sie im Medienmagazin journalistenblatt auf den Seiten 18 bis 20